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Bunt an den Rändern
Juli 28th, 2010
Ich laufe derzeit immer wieder gerne durch den Park in meiner Nachbarschaft. Und dabei mache ich mir dann meist ein paar Gedanken, Runde um Runde ein paar mehr, bis ich sie nicht mehr tragen kann. Die Guten nehme ich dann mit nach Hause, fahre mit ihnen mit dem langsamen Aufzug hoch in meine Wohnung, verkrame sie dann meistens irgendwo unter ungeöffneten Kontoauszügen und Werbezetteln, und manchmal finde ich sie dann erst nachts im Traum wieder und vergesse sie bis zum Morgen. Wäre es nicht schön, wenn Menschen, wenn sie älter werden, bunt würden an den Rändern, habe ich mir zum Beispiel gedacht bei einer Runde im Park. So bunt wie die Blätter unter meinen Schuhen. Jeder bildet sein eigenes Muster, jeder Mensch franst aus in seiner eigenen Farbe, die er aus seinen Erinnerungen mischt. Das wäre außerordentlich. Das wäre neu. Vielleicht passiert das aber auch schon, und wir sehen das nur nicht. Das sind so Gedanken, die ich durchlaufe beim Laufen im Park. Wollte ich nur mal gesagt haben. Was ich noch sagen will: Wir sollten alle unbedingt mehr Moritz Krämer hören. Er hat es so verdient. Und mit ihm laufe ich immer eine Runde mehr. Danke. Es ist nicht alles so wie’s soll, es ist auch nicht verkorkst. Aber was du sagst, ist ziemlich schön. Es liegt nicht an mir. Wir können nichts dafür.





9 1/2 Stunden
Juni 30th, 2010
So sehn Sieger aus
Juni 24th, 2010
Um eins vorweg zu sagen: Ja, ich weiß, dass ich zur falschen Zeit am falschen Ort war. Und dass ich das Spiel zuvor – Zeugen können das bestätigen – nicht mit Leuten gesehen habe, die sich als verbissene Fans der deutschen Nationalmannschaft bezeichnen würden. Ich weiß: Ich hätte nicht nach Abpfiff des Spiels Deutschland : Ghana am zentralen Kundgebungsort des Hamburger „Public Viewings“ vorbei fahren sollen. Aber was soll ich machen, es ist nun mal mein Heimweg. Und ein ruhiger Heimweg ist das, zumindest an anderen Tagen als gestern. Denn gestern kamen mir dort tausende in schwarz-rot-goldene Farben gekleidete Männer und Frauen entgegen, die wahlweise „Deutschlaaaaand, Deutschlaaaand!“ oder „So sehn Sieger aus!“ grölten, eskortiert von hupenden Autos mit Deutschland-Flaggen und überhöhter Geschwindigkeit. Tausende Männer und Frauen wohlgemerkt, die zuvor ein durchschnittliches Fußballspiel gesehen hatten, das Deutschland durch seine fast einzige Torchance gewonnen hatte. Ich bin bei weitem kein Miesmacher: Ich akzeptiere, dass andere Menschen eine höhere Identifikation mit diesem Land und seiner Mannschaft haben, und ich habe auch nichts gegen Fußballfans. Aber um bei den Fakten zu bleiben: Deutschland hat die Vorrunde der Weltmeisterschaft überstanden. Mit einem knappen Sieg gegen Ghana. Das ist gestern passiert. Mehr nicht. Der Grund für diesen überspitzten, national gefärbten Jubel muss also woanders zu finden sein. Ist es die Freude am Event? Auch. Mischt sich darin Erleichterung, nicht in der Vorrunde ausgeschieden zu sein? Bestimmt. Die jedoch würde sich anders anfühlen. Demütiger vielleicht und weitaus weniger aggressiv. Nein, der Hauptgrund ist ein anderer: Es gibt in diesem Land eine ungemein übersteigerte Sehnsucht nach 2006, nach dem „Sommermärchen“, nach „wir“ und „wir sind alle Schwarz-rot-geil“ – danach, sich endlich wieder in der Masse Deutsch zu fühlen und das auch zu zeigen. Das haben viele vor vier Jahren zum ersten Mal erlebt. Das wünschen sie sich zurück (und haben anscheinend vier Jahre auf den kleinsten Anlass gewartet).
Ich gebe zu: Diese Masse an Schwarz-rot-Geilen hat mir Angst gemacht. Insbesondere, weil es ihr nicht genügt hat, sich über den deutschen Sieg zu freuen, nein: Sie hat mit einem Schlag alles vermeintlich Undeutsche ausgegrenzt – also alle, die keine Landesfarben in der Kleidung oder im Gesicht trugen oder nicht mitsingen wollten. Ich bin, nachdem ich mehrfach fast von Jubelautos überfahren oder vom Fahrrad gestoßen wurde, endlich bei meinem Kiosk angekommen. Davor stand eine Frau, „schalalalala, so sehn Sieger aus!“ singend. Ich wollte an ihr vorbei zum Eingang. Sie hat sich mir in den Weg gestellt und weiter gesungen. Ich habe mit den Augen gerollt. Und wollte nur an ihr vorbei. Sie hört auf zu grölen und schreit mir ins Gesicht: „Du bist wohl kein Deutscher, oder was?!“ „Schon“, murmle ich und dränge mich an ihr vorbei – nur anscheinend ein etwas anderer als sie. Ich mag zum Beispiel Fußball, und das nicht nur alle vier Jahre. Und nicht wegen Deutschlaaaand. Ich nehme deutsche Siege oder Niederlagen nicht persönlich.
Manchmal wünschte ich mir, 1954 – oder besser noch: 1990 – wäre nie passiert. Wir wären eine kleine Fußballnation und würden uns ehrlich über jeden Sieg freuen können. Denn jeder unserer Gegner wäre übermächtig, und wir würden jubeln über jedes überraschende Tor.
Wir wären ein wenig mehr Ghana. Aber das geht natürlich nicht. Denn wer sind die schon?
Andere Frage: Was wäre gestern eigentlich passiert, wenn die Mannschaft verloren hätte? Wäre die Reaktion darauf genau so hysterisch ausgefallen? Vielleicht ist es unter anderem die Angst vor der Antwort auf diese Frage, die mich davon abhält, Teil dieser Jubelgemeinde sein zu können.
Immerhin weiß ich nun: Das England-Spiel schaue ich lieber zu Hause.
Autofreier Sonntag
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